Social Distancing

Frau sitzend in Abendsonne

Den Einen fehlt Nähe – den Anderen Abstand.

In einer Zeit, in der wir gezwungen sind, auf Abstand zu gehen, Kontakte zu meiden und in der Familien durch Kita- und Schulschließungen plötzlich sehr viel Zeit miteinander verbringen, entsteht dieser Beitrag.

Was macht es mit uns, wenn wir so viel Zeit zu Hause verbringen?

Für Alleinstehende bedeutet das tatsächlich oft alleine zu sein. Viel Zeit zu haben. Zeit für Dinge, die wir schon so lange, schon so oft mal tun wollten, für die aber nie Zeit war. Ob die Wohnung ausmisten, ein Buch lesen, eine Sprache lernen. Nun haben Viele plötzlich Zeit dazu. Ist doch prima, könnte man denken. Und das ist es auch.

Es gibt aber eben auch die andere Seite. Es fehlt an Kontakt. Realen Kontakten zu Menschen. Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen einander. Nicht nur im Austausch. Wir brauchen uns von Angesicht zu Angesicht. Eben genau das, was in unserer digitalen Welt verloren geht. Wir sind privilegiert. Das möchte ich nicht schmälern. Wir haben die technischen Möglichkeiten Kontakt zu halten. Uns zu sehen. Wenn auch nur per Kamera. Aber wir haben sie. Und wir sollten sie auch nutzen.

Aber es wird deutlich, was uns als Menschen eigentlich ausmacht.

Nämlich genau das, was wir nicht sehen, nur schwer beschreiben können, sondern spüren.

Die winzig kleinen Augenblicke der Wahrnehmung, die wir nur haben, wenn wir zusammen sind. Von Angesicht zu Angesicht, Wahrnehmungen, Sinneseindrücke. Kleine Bewegungen, Körperhaltung, Blicke, Gerüche, das wie wir unser Gegenüber erspüren. Das, was wir uns sonst nie bewusst machen. Uns aber fehlt, wenn wir gezwungen sind, aus der Ferne Kontakt zu halten.

Haptik. Einen Menschen in den Arm zu nehmen. Die Bedeutung von Körperkontakt rückt zunehmend in den Blickpunkt der Wissenschaft.

Wir brauchen Körperkontakt. Umarmungen. Menschliche Nähe. Wärme.

Zu Hause, alleine, zurückgezogen in der Wohnung fehlt uns all das.

Und das sollten wir nicht abtun. Nicht beiseiteschieben. Kontakt halten, so gut es eben geht. Füreinander da sein, wie es möglich ist. Ein warmes Bad nehmen. Die Sonnenstrahlen auf der Haut genießen. Auf Entdeckungsreise gehen, herausfinden was einem jetzt besonders gut tut. Reinspüren. Um dann, wenn all dies vorbei und überstanden ist, wieder den nahen, menschlichen Kontakt und seinen Wert schätzen zu können.

Bei Anderen sorgt die Situation für das genaue Gegenteil.

Familien verbringen sehr viel Zeit miteinander, oft auf engstem Raum. Das kann schön sein. Es kann zusammenschweißen. Aus einer Familie wieder ein richtiges Team machen, das in dieser Situation zusammenhält. Aber es birgt auch Schwierigkeiten.

Gerade Eltern mit kleinen Kindern haben nun keine Minute mehr für sich. IMMER zusammen. Immer mindestens ein Kind am Körper. Keine Möglichkeit sich Lautstärke, Spielchaos, Bedürfnissen der Kinder zu entziehen. Es folgen Unmut. Die Nerven liegen blank. Unzufriedenheit mit der Situation. Aber bei vielen auch die Frage: Darf ich als Mama/Papa so fühlen, so empfinden? Sollte ich nicht überglücklich sein mit der Chance meinen Kindern so nah sein zu können und diese Zeit mit ihnen zu genießen?

Auch hier. Ja. Wir sind soziale Wesen. Aber wir sind auch Individuen. Haben Bedürfnisse. Auch das Bedürfnis allein zu sein. Das Bedürfnis nach Ruhe. Die eigenen Gedanken mal sortieren zu können. Abstand. Pause. Und das ist völlig normal und absolut natürlich. Und hat nichts damit zu tun, ob wir Eltern sind oder nicht. Wir sind Eltern. Aber wir sind auch Menschen.

Und hier gibt es tatsächlich eine Chance. Die Möglichkeit gestärkt aus dieser Situation herauszugehen.

Wahrnehmen. Wann wird mir alles zu viel? Wann übertritt jemand meine Grenze? Herauszufinden, wo ist meine Grenze überhaupt? Und es ist völlig normal, dass die Antwort darauf an manchen Tagen unterschiedlich ausfällt. Nicht in Stein gemeißelt ist. Hier ist es wichtig zu reden. Ja, reden. Für all diejenigen, die es versuchen für sich zu regeln – vergesst es. Ihr müsst anfangen darüber zu sprechen, wie es euch in dieser Situation geht. Mit dem Partner. Absprechen, wann wer eine Auszeit braucht, wann ihr eine Auszeit braucht und wie diese umgesetzt werden kann. Ihr müsst auch ins Gespräch mit euch selbst gehen und auch hier herausfinden, was tut mir gut? Wo kann ich am besten auftanken? Kurze Entspannungsreisen? Musikmachen? Malen? Raus in den Wald? Yoga (alles auch online möglich)?

Und probiert es aus! Habt Geduld dabei!

Auch mit Kindern sollte man über die eigenen Bedürfnisse sprechen. Ganz klar formulieren. Oft haben wir regelrecht eine Unterteilung im Kopf. Kind. Erwachsener. Was schlichtweg Schwachsinn ist. Wir sind Menschen. Kleine. Große. Es gibt im Grunde keine Unterschiede in unseren Bedürfnissen. Lediglich darin, wie wir sie äußern. Und in der Vehemenz, wie wir sie einfordern. Aber genau betrachtet, so ganz genau meine ich…. Sind die Unterschiede dann doch oft nicht so groß. „Mama braucht jetzt kurz mal eine Pause. Papa übernimmt. Bitte lasst mich jetzt mal in Ruhe was lesen. Wenn ich wieder komme, können wir was spielen.“ Schafft Klarheit. Für alle.

Die Situation in der wir uns befinden mag nicht einfach sein. Aber lasst sie uns nutzen. Lasst uns die Herausforderung annehmen und über uns und übereinander lernen. Und Verständnis entwickeln. Füreinander.